Die Belsener Kapelle - Überblick

Die Belsener Kapelle von Süden. Der Pfeil zeigt auf das vom Sakristeidach verdeckte Sonnenloch.
Der Innenraum mit Blick zum Chor, rechts oben das Sonnenloch

Auf der Anhöhe zwischen Mössingen und Belsen steht weithin sichtbar die sagenumwobene Belsener Kapelle, eine der ältesten Kirchen im Umkreis. Sie wurde nach den Ergebnissen der dendrochronologischen Untersuchung (Jahresringanalyse) von Gerüstholzresten um 1140 errichtet.1 Die ursprüngliche Bausubstanz der romanischen Chorturmkirche, die den Heiligen Maximin und Johannes geweiht war, ist trotz späterer Umbauten noch zu großen Teilen erhalten. Dem romanischen Kirchenschiff ist nach Osten der ebenfalls noch romanische Turmchor vorgelagert, über dem sich ein Chorturm erhob, der heute aber bis auf einen Reststumpf abgetragen ist. Den Ostabschluss bildete ursprünglich eine halbrunde Apsis, die um 1499 abgebrochen und durch den gotischen Chor ersetzt wurde. 1824 wurde die Sakristei angebaut.

Die Vorgängerkirche

Der Belsener Pfarrer Max Duncker entdeckte 1899 unter dem Kirchenboden die Fundamentmauern eines kleineren Vorgängerbaus.2 Duncker war der Ansicht, die Vorgängerkirche sei bereits in der Karolingerzeit, wenn nicht in einem noch früheren Jahrhundert errichtet worden. Die Fundamente wurden 1960 umfassend freigelegt und sind über eine Treppe zugänglich. Bei dieser Ausgrabung stieß man - wie vorher bereits Duncker - auf menschliche Skelette, teils von Erwachsenen, teils von Kindern. Der Ausgräber Oskar Heck sah in der Vorgängerkirche ein Werk des 11. Jahrhunderts.3 Obwohl die Skelettfunde eigentlich ein höheres Alter der Anlage für möglich erscheinen ließen, blieb diese Einschätzung für die folgende Zeit maßgeblich. Dies änderte sich erst, als im Jahr 2014 durch eine Kohlenstoff-C14-Untersuchung die Knochen eines etwa zweijährigen Kindes, die bei der Grabung 1960 geborgen worden waren, auf die Zeit zwischen 720 und 880 datiert werden konnten.4 Damit reicht der erste Kirchenbau an dieser Stelle - die bekannte Vorgängerkirche oder vielleicht auch ein nicht nachgewiesener hölzerner Vorgängerbau - mindestens bis in diese Zeit zurück.

Der frühestmögliche Zeitpunkt der Kirchengründung wird durch die Christianisierung der Alamannen bestimmt, die bereits unter der Herrschaft der Merowingerkönige begann. Spätestens um 730 war das alamannische Herzogtum, welches im Norden bis Cannstatt reichte, christianisiert.5 Ein Zusammenhang des Kirchenbaus mit den beiden im Lorscher Kodex für die Jahre 774 und 777 genannten Schenkungen auf Mössinger Markung an das 764 gegründete Kloster Lorsch6 ist derzeit nicht beweisbar.

Heidnische Götter oder mittelalterliche Bildwelt?

Die Steinreliefs am Westgiebel

Neben dem Sonnenloch, das vor dem Anbau der Sakristei das Licht der aufgehenden Sonne zur Tag-und-Nacht-Gleiche in den Türbogen des Eingangsportals warf, zieht vor allem die Westfassade mit ihren rätselhaften Steinreliefs seit Jahrhunderten das Interesse der Fachwelt und der Laienforscher auf sich. Diese nicht zuletzt wegen ihrer starken Verwitterung schwer zu deutende Skulpturengruppe - eine von Tierköpfen umgebene menschliche Gestalt - hat in der Vergangenheit schon unzählige Interpretationen erfahren und die Kapelle weithin bekannt gemacht.

Der erste bekannte Bericht über die Belsener Kirche stammt aus dem Jahr 1678. Der Tübinger Theologe Johann Adam Osiander kam in seiner Theologia moralis bei der Besprechung des ersten Gebots auch auf die Kapelle zu sprechen: „Nahe Tübingen kann man beim Dorf Mössingen auf einem Hügel bis heute einen Tempel sehen, in dem einstmals der Teufel verehrt wurde. Eine menschenähnliche Figur mit der Gestalt von jenem habe ich über dem Portal selbst gesehen, mit gespreizten Beinen auf einem Dreifuß sitzend, und ringsum die abgeschnittenen Köpfe der Kälber und Rinder, die geopfert wurden. Der Ort wird Belsen genannt, und wenn uns die Annahme nicht täuscht, entspricht das dem Wort Beelsamen, der bei den Phöniziern der Sonnengott gewesen ist.7 Den Namen des angeblichen Sonnengotts Beelsamen, der über den Beelzebub der Bibel (z. B. Mt 12, 24) mit dem Teufel gleichgesetzt werden konnte, hatte er einer Schrift des Kirchenvaters Eusebius von Caesarea entnommen.

Die Deutung als heidnische Kultstätte - keltischen oder römischen Ursprungs - bestimmte in der Folge die Wahrnehmung der Belsener Kapelle. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte sich allmählich die Erkenntnis durch, dass es sich um eine christliche Kirche handelt. Allerdings wurde noch in jüngster Zeit ein römischer Ursprung der Steinreliefs für möglich gehalten. Nach dem aktuellen Forschungsstand sind aber auch sie im Rahmen der mittelalterlichen Bildwelt zu verstehen.

Auch als der christliche Ursprung des Kirchengebäudes anerkannt war, wurde doch vermutet, dass es an der Stelle eines vorchristlichen Heiligtums errichtet wurde. Man möchte das angesichts der besonderen Ausstrahlung des Ortes intuitiv für möglich halten. Bereits bei der Grabung Dunckers traten Reste von Falzziegeln zutage, die er für römisch hielt und die ihn an einen römischen Tempelbezirk oder eine römische Villa denken ließen. In der Steinsbreite einige hundert Meter südöstlich der Kirche gilt eine römische Niederlassung als gesichert. Bei der Grabung 1960 konnten außer weiteren vielleicht römischen Falzziegelresten jedoch keine Hinweise auf einen römischen Vorgängerbau gefunden werden, so dass der archäologische Nachweis bis heute aussteht.

Der Bauherr: Kloster oder Adel?

Das Westportal der Belsener Kapelle

Der Baustil der Kirche ist stark vom Benediktinerkloster Hirsau geprägt. Besonders charakteristisch ist das an der Außenwand umlaufende Sockelprofil, das sich in die Umrahmungen der Portale fortsetzt. Die beiden Belsener Portale zeigen im Aussehen und im konstruktiven Aufbau eine große Ähnlichkeit mit den beiden noch erhaltenen Portalen im nördlichen Querhausarm der Ruine der Hirsauer Peter-und-Pauls-Kirche.

Unter Verweis auf einen Eintrag im Codex Hirsaugiensis wurde angenommen, dass Kloster Hirsau selbst Bauherr der Belsener Kapelle gewesen sei. Der Codex Hirsaugiensis erwähnt Belsen aber nicht namentlich, jedoch die Schenkung einer Kirche in Messingen durch einen Adalbert von Salzstetten (bei Horb).8 Dies war die gebräuchliche Schreibweise für Mössingen; sie wurde aber auch für eine Reihe weiterer Ortschaften verwendet, nämlich Metzingen, Mötzingen, Waldmössingen und Hochmössingen. Wegen der räumlichen Nähe könnte bei der Schenkung des Adalbert von Salzstetten eher an Waldmössingen oder Hochmössingen gedacht werden. Johannes Josenhans kann die Zuordnung des Eintrags im Codex Hirsaugiensis zu Mössingen überzeugend widerlegen; er bezieht ihn auf die Kirche in Mötzingen, deren Besitz durch Kloster Hirsau auch sonst bezeugt ist.9 Sie wurde 1266 von Kloster Hirsau verkauft. Auf einer Liste der Kirchen, die sich um 1156/1160 - also ca. 20 Jahre nach dem Bau der Belsener Kapelle - im Besitz des Klosters Hirsau befanden, wird eine Kirche in Mezzingen genannt, bei der es sich aber nicht um eine Mössinger Kirche, sondern wiederum um die Kirche in Mötzingen handelt.10

Als Bauherr der Belsener Kapelle kann deshalb eher die adlige Grundherrschaft angenommen werden. In Frage käme beispielsweise die Gräfin Udilhild, Witwe des Grafen Friedrich I. von Zollern und Stammmutter der Hohenzollern,11 oder einer ihrer Söhne. In späterer Zeit ist die Herrschaft der Zollern über Mössingen belegt. Udilhild verfügte über ausgezeichnete Beziehungen zum Kloster Hirsau wie auch zum von Hirsau aus besiedelten Kloster Zwiefalten, dem sie bedeutende Schenkungen zukommen ließ.


1 Marstaller, Tilman: Mit dem Bohrer in die Geschichte: Die dendrochronologische Datierung der Kirche, in: Verdammt lang her ... Funde aus Mössingens Frühzeit, Abschnitt „Die heidnische Kapell“, Esslingen, Hrsg.: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, 2014, S. 72 -75, hier S. 72
2 Duncker, Max: Neues über die Belsener Kapelle, in: Reutlinger Geschichtsblätter, 10. Jahrgang, Hrsg.: Reutlinger Geschichtsverein, 1899, S. 56 - 58
3 Heck, Oskar: Die evangelische Kirche in Belsen, in: Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Esslingen, 1960, S. 86 - 89, hier S. 88
4 Ade, Dorothee; Willmy, Andreas: Ein Kirchlein mit Gräbern: frühes oder hohes Mittelalter?, in: Verdammt lang her ... Funde aus Mössingens Frühzeit, Abschnitt „Die heidnische Kapell“, Esslingen, Hrsg.: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, 2014, S. 75 - 81, hier S. 81
5 Lorenz, Sönke: Missionierung, Krisen und Reformen - Die Christianisierung von der Spätantike bis in karolingische Zeit, 4. Auflage, Stuttgart, Herausgeber: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, 2001, S. 441 - 446, hier S. 443 f
6 Codex Laureshamensis, Hrsg: Glöckler, Karl, dritter Band, Darmstadt, 1936, S. 114
7 Osiander, Johann Adam: Theologia moralis, Tübingen, Cotta, 1678, Pars Specialis S. 94
8 Codex Hirsaugiensis, Hrsg.: Schneider, Eugen, in: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte, Jahrgang 10, 1887, Anhang S. 1 - 78, hier S. 28 (fol. 29b.)
9 Josenhans, Johannes: Messingen und Mezzingen, in: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte, Jahrgang N.F. 4, 1895, S. 219 - 224, hier S. 220
10 Traditiones Hirsaugienses, Hrsg: Müller, Karl Otto, in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, Band 9, 1949/50, S. 21 - 46, hier S. 29, S. 43. Auf S. 31 weist Müller die Schenkung des Adalbert von Salzstetten (Codex Hirsaugiensis fol. 29b.) - hier ohne weitere Begründung der Ausgabe Schneiders (1887) folgend - Mössingen zu. Diese Ansicht wurde, wie erwähnt, bereits durch Josenhans (1895) widerlegt. Ebenso unzutreffend bezieht Müller (S. 29) eine in fol. 44a. des Codex Hirsaugiensis erwähnte Schenkung von 10 Huben auf Mötzingen. Der Codex Hirsaugiensis (Schneider 1887 S. 39) nennt hier „Metzingen in Swigersstal”. Nach der Lokalisation „in Swigersstal” kann es sich hier nur um Metzingen handeln.
11 Lehmann, Hans-Dieter: Cuno dux Bauwarorum - als Zollernvorfahre in cognatischer Linie Vorbild für den obskuren „Herzog Tassilo von Zollern“? Zu den Herkunftsfabeln der Zollern, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung, Band 62, Erlangen, Herausgeber: Institut für fränkische Landesforschung a. d. Universität Erlangen, 2002, S. 65 - 92, hier S. 80